Donnerstag, 11. Mai 2017

Aus dem Leben gerissen. Wenn gute Freunde plötzlich sterben.

Schon wieder war es lange still hier. Viele von Euch haben es aber mitbekommen. Der April war ein grauer Monat, nicht was das Wetter angeht, aber die Gefühle.

Am Ostersonntag, noch bevor unsere Familie zum gemeinsamen Osterfrühstück kam, meldete sich unsere gute Freundin aus Frankreich. Ihr Mann hatte einen schweren Motorradunfall und lag nun im Krankenhaus und kämpfte um sein Leben. 

Der Schock saß tief, wenige Tage vorher witzelten wir doch noch rum, wie viele Kilo deutsche Rostbratwürste und welches Bier wir ihm beim Wiedersehen im Sommer mitbringen sollten. Und plötzlich kämpfte dieser Freund um sein Leben?

Er war einer unserer ersten Freunde, die wir damals in Frankreich kennenlernen durften. Seine Töchter gingen in die gleiche École Maternelle wie mein Löwenjunge und da er auch noch deutsch sprechen konnte, half er sofort bei anfänglichen Sprachproblemen aus. 

Kurz darauf waren wir bei ihm und seiner Familie zum Kaffee eingeladen. Die Chemie passte einfach, denn die herzliche Art, die uns von der ganzen Familie entgegen kam, ließ schnell vergessen, dass wir verschiedene Sprachen sprechen. Durch sie "kamen wir an" in der fremden, neuen Heimat. Sie kannten sich gut aus, zeigten uns schöne Orte, Spielplätze und Ärzte, aber machten uns auch mit französischen Gepflogenheiten bekannt. 

Andersherum waren sie aber genau so offen und interessiert an uns und unseren Bräuchen. Nie werde ich vergessen, wie wir bei uns zusammen Sankt Martin gefeiert haben. Da der Löwenjunge das ja noch von Deutschland kannte, organisierten wir eine kleine Martinsfeier bei uns daheim. Unser französischer  Freund kam mit seiner Familie und seine Kinder hatten selbstgebastelte, rosa Papierlaternen. Er hatte sie nach Videoanleitung mit ihnen zusammen gebastelt, nachdem ich ihm von unserem Brauch erzählt hatte. Ich las die Martinsgeschichte vor und er übersetzte sie in's Französische. Dann gingen wir mit den Laternen durch den Ort spazieren, die Kinder lachten, sangen, hatten Spaß. Danach wurde zusammen gegrillt und die Kinder spielten gemeinsam. Natürlich wurde das Ganze im nächsten November wiederholt.

Wenn wir nicht nach Deutschland fuhren, feierten wir gemeinsam Geburtstage, Weihnachten und Ostern. Sie waren unsere zweite Familie in Frankreich. 

Auch als wir zurück nach Deutschland gingen, hörte die Freundschaft und der Kontakt nicht auf. Zweimal haben wir uns besucht, wir haben miteinander geschrieben und telefoniert. 1300 km Distanz bedeuteten nicht das Ende dieser Freundschaft. 

Aber genau diese Distanz machte es uns so schwer, als wir vom Unfall hörten. Wir waren so weit weg. Man findet schon kaum Worte auf deutsch, wie kann man da passenden Trost auf französisch spenden? 

Wir hofften und bangten 10 Tage mit unserem Freund. Am Anfang war die Hoffnung noch da, dass es irgendwie doch noch gut ausgeht. Am Ende kam dann aber die Nachricht: unser Freund ist tot. Er wird nie mehr mit uns lachen, uns mit seiner Lebensfreude mitreißen können. 

Und noch viel schlimmer, seine beiden Kinder haben ihren wunderbaren Vater verloren, seine Frau ihren geliebten Mann. 

Dieses Wissen lähmte mich. Es machte mich wütend und traurig. Denn es war, wie so oft, ungerecht. 

Plötzlich wird einem bewusst, wie schnell alles aus den Fugen gerät. Man hat Gedanken, die man schön brav lieber verdrängt. 

Unser Freund hatte kurz vor dem Unfall noch mit seiner Frau telefoniert. Dass er gleich heim kommt. Ein letzter Kuss durch's Telefon. Bis später. Bisous. 
Es war der letzte Gruß, der letzte Kuss. 
Die Mädchen schliefen. Danach war nichts mehr wie es war. 

Am letzten Freitag im April war die Beerdigung in Frankreich. Die Chefs von meinem Mann und mir gaben uns sofort frei, bei mir herrschte sogar Notbesetzung im Büro. Meine Schwiegermutter sagte direkt zu, in der Zeit Haus, Kinder und Hund zu hüten. So konnten mein Mann und ich Donnerstag Nacht nach Frankreich fahren. Die 13 Stunden Fahrt wurde begleitet von unendlich vielen Erinnerungen und ein dicker Kloß saß in unserem Hals. Seit der Nachricht vom Tod schleppten wir unsere Traurigkeit mit durch den Alltag. 



Wir kamen am Freitagmorgen bei unseren alten Nachbarn an, dort durften wir für den Aufenthalt bleiben. Es war schon irgendwie komisch. Die Nachmieter von unserem alten Haus räumten gerade den Umzugswagen ein. Wir wären damals ja noch gerne länger geblieben. Aber so ist das, wir fühlten uns in der Ferne zuhause. Sicher auch wegen der guten Freunde, die wir gefunden hatten. Als ich unser altes Haus sah, erinnerte ich mich an die vielen gemeinsamen Grillabende und doch war es mir irgendwie fremd geworden. 

Gegen Mittag holte uns eine andere liebe Freundin ab. Auch sie und ihr Sohn gehörten zu unserer deutsch-französischen Clique. Zusammen fuhren wir zur Trauerfeier in's Krematorium. Die Traurigkeit begleitete uns und doch waren wir so unheimlich froh, diese Fahrt gemacht zu haben um nun gemeinsam Abschied nehmen zu können. 

Es waren so unglaublich viele Menschen dort. So viele werden ihn vermissen. 

Seine Frau und die Mädchen freuten sich uns zu sehen und es wurde herzlich umarmt. Irgendwie dachte ich immer, er muss doch gleich aus dem Auto steigen und "Heeeyyy coucou!" rufen. 

Bei der Trauerfeier war ich fast froh, nicht alles perfekt verstanden zu haben, sonst hätte ich wohl noch mehr weinen müssen. Dann standen wir auf, verabschiedeten uns von unserem Freund und der Sarg verschwand hinter dem Vorhang. 

Auf dem Heimweg zurück zu unserem Nachbarn machten wir noch einen kurzen Halt am Strand. Hier waren wir oft gemeinsam nach der Abholzeit vom Kindergarten gewesen. 
Wir gönnten uns heute einen Mojito. Den letzten Mojito, den ich getrunken hatte, war letztes Jahr im Urlaub. Unser Freund hatte ihn mir am letzten Abend gemacht, mit frischen Minzblättern aus seinem Garten... Überall Erinnerungen. 

Am nächsten Morgen fuhren wir die 12 Stunden wieder zurück nach Deutschland. Der dicke Kloß hatte sich, zumindest für uns, etwas gelockert. Wir konnten uns verabschieden, gemeinsam trauern. Das war enorm wichtig gewesen, auch wenn uns diese Fahrt viel Kraft gekostet hatte. 

Als wir nachts daheim ankamen und zu den Jungs in's Bett krabbeln konnten, war ich erleichtert. Denn auf der Heimreise hatte ich so Gedanken wie: "Hoffentlich passiert uns jetzt nichts. Unsere Jungs brauchen uns doch. Nicht auszudenken, wenn wir jetzt nicht mehr heim kommen!"

Das Thema Tod hat uns wieder beschäftigt. Wir werden jetzt endlich unsere Sorgerechtsverfügung schreiben. War schon lange geplant, aber dann im Alltag wieder vergessen worden. Ein Thema, was man gerne verdrängt. 

Auch die Kinder waren übrigens sehr traurig, zeigten dies auf unterschiedliche Weise. Der Löwenjunge beerdigte hinterm Haus den letzten Schnee. Das Winterkind hatte schlechte Träume. "Mama, ich bin aufgewacht, weil ich so Angst bekommen habe, dass Du gestorben bist!"
Darüber reden und der Trauer Raum und Zeit geben, hat uns geholfen. 

Bleibt behütet. 
Bisous,
Eure Tanja








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