Montag, 27. Februar 2017

Vom Leben und Sterben. Abschied nehmen und gemeinsam trauern- auch mit Kindern.

Eine passende Überschrift für das heutige Thema zu finden, fiel mir, offen gesagt, schwerer, als der Rest des Textes. Aber ist es nicht auch so, dass gerade Abschied nehmen, Sterben und der Tod uns immer wieder sprachlos machen? Hilflos und sprachlos. Uns fehlen die Worte, wenn jemand neben uns trauert. Manchmal lähmt uns unsere eigene Trauer, vielleicht schämen wir uns sogar?
Als ich vor 9 Jahren mein erstes Kind, noch in der Schwangerschaft, verlor, versuchte mancher mir einzureden, ich hätte ja gar kein Recht, so um mein Kind zu weinen- es war schließlich noch nicht geboren, würde vielen so gehen, das Baby hatte zwar schon ein Herz, sei aber ja noch nicht "fertig" gewesen...

Bei vielen Menschen hat man das Gefühl, sie schweigen das Thema Schmerz, Trauer und Tod lieber tot, weil es zu unangenehm und persönlich ist. Es ist ein Tabut- obwohl es zum Leben dazu gehört. 

Jeder Mensch hat aber das Recht zu trauern, ohne sich rechtfertigen zu müssen.




Aus stiller Trauer wird "Aus Lauter Trauer".
Dazu hat Silke heute eingeladen, über Trauer zu sprechen: "Alle reden über Trauer. Ein Tag, viele Teilnehmer, viele verschiedene Facetten von Trauer"
Silke hat vor 4 Jahren plötzlich ihren geliebten Lebenspartner verloren. Zu seinem heutigen Geburtstag gratulieren ganz viele Menschen, indem sie offen, ehrlich und laut über Trauer sprechen. Ganz gleich wie sie aussehen mag. Nicht nur der Tod lässt uns trauern. Auch Abschiede, Trennungen oder Krankheiten gehören dazu.

Aus diesem Anlass habe ich heute meine ganz persönliche Geschichte von Trauer, Abschieden (jeglicher Art) und Beerdigungen aufgeschrieben. Mein Weg, wie ich im Leben Tod und Trauer erfahren habe, war auch ausschlaggebend für eine (für mich) einfache Antwort auf eine wohl häufig gestellte Frage:

"Soll man Kinder mit auf Beerdigungen nehmen?"

Vom ersten Abschied

Als mein geliebter Opa starb, war ich etwa 10 Jahre alt. Meine Eltern entschlossen damals, dass ich nicht mit auf die Beerdigung gehen sollte. Das gehört zu den ganz wenigen Dingen, die ich meinen Eltern vorwerfe. Ich habe es nicht verstanden, warum ich nicht mit dabei sein durfte, wenn alle anderen sich treffen um ihn zu verabschieden. Denn der Tod war für mich damals noch nicht so begreifbar, nichts "schreckliches", einfach ein trauriger Abschied. Sie meinten es sicher gut, wollten mich schützen. Vielleicht hatten sie Angst, es würde mir zu sehr weh tun, vielleicht aber auch gehörte es sich damals nicht, Kinder mit auf Beerdigungen zu nehmen? Vielleicht aber waren sie auch mit ihrer eigenen Trauer und den Dingen, die es nach dem Tod zu erledigen gab beschäftigt: Heute bekomme ich leider keine Antwort mehr darauf.

Die erste Beerdigung - er war doch erst 18 Jahre alt!

Auf meiner 1. Beerdigung war ich dann 17 Jahre alt. Meine erste große Liebe, der Junge mit dem ich zum ersten Mal geknutscht und um den ich meine ersten Liebeskummertränen vergossen hatte (das war 3 Jahre zuvor gewesen und das fühlte sich damals für mich so schrecklich an, als müsste ich sterben) war bei einem tödlichen Verkehrsunfall gestorben.
Das war eigentlich schon schlimm, aber mein damaliger Freund war auch noch der Fahrer des Unfallwagens gewesen. Die Beerdigung traf mich mit voller Wucht. Beerdigungen kannte ich ja eigentlich nur aus dem Fernsehen. Der Tod unseres Freundes, die Schuldgefühle und Vorwürfe meines Partners, die Ohnmacht an Gefühlen. Es riss mich in ein tiefes Loch. Ich war gerade dabei gewesen, meinen Führerschein zu machen. Doch plötzlich hatte ich panische Angst vor dem Auto fahren. Der Fahrlehrer musste mich heimfahren, weil ich nicht mehr konnte. Erst Monate später wagte ich, es zu Ende zu bringen. Dass das Leben so schnell aufhören kann, hatte ich bis dahin erfolgreich verdrängt. Vielleicht auch weil Tod und Sterben in unserer Gesellschaft gerne tot geschwiegen werden?

Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Im Laufe der Jahre kamen viele Beerdigungen von wundervollen Menschen dazu. Ein kranker Freund mit 20, meine beiden Oma's, der Selbstmord eines Klassenkameraden als wir noch auf die Fachoberschule gingen, drei Onkels und eine Tante, viel zu jung aber leider auch viel zu krank. Das waren schwere Stunden der Trauer, aber ich sollte noch spüren, dass einen der Schmerz in unterschiedlichen Dimensionen treffen kann. 

Mein Sternenkind

Im März 2008 verlor ich unser erstes Kind (auf das wir uns so lange gefreut hatten). Den Tag und den Schmerz vergisst man nicht. Er übertraf alles, was ich zuvor an Schmerz erfahren hatte. Es riss ein großes Loch in mein Herz und ich fühlte mich buchstäblich, als hätte man ein Teil von mir herausgerissen. Ich konnte nicht aufhören zu weinen, es tat einfach nur weh. Es fühlte sich an, als sei mit dem Baby auch ein Teil von mir gestorben. Es machte keinen Sinn. Warum unser Kind?
Fast zeitgleich wurde im Bekanntenkreis eine junge Frau ungewollt schwanger. Der Vater des Kindes war geschockt und wollte unbedingt, dass sie das Kind nicht behält. Ich wollte schreien. Wollte nur noch dass es aufhört weh zu tun. Ich konnte in den ersten Tagen kein Radio hören, nicht fernsehen. Jede Ecke, jeder Ton, jeder Geruch erinnerte mich daran, dass das Leben in mir aufgehört hatte.

Es gab sehr viele, die den Schmerz nicht verstehen konnten oder wollten. Vielleicht sind sie auch Verdrängungskünstler oder aber kennen dieses Gefühl einfach nicht.
"Das passiert ja vielen!"
"Wer weiß für was es gut war"
"Wenigstens wisst Ihr jetzt, dass Ihr schwanger werden könnt" (Und dass man es verlieren kann auch? Vielen Dank).
Liebe Leute, das sind keine tröstende Worte!
Vielleicht sagt man manchmal einfach gar nichts. Denn Worte können erst mal nicht trösten. Das kommt dann vielleicht, wenn der 1. Schock vorbei ist...


2009 und 2012 kamen zum Glück meine beiden Kinder gesund auf die Welt.
In beiden Schwangerschaften lagen Freude und Angst immer nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.
Beides ist mir als Mutter geblieben. Die Freude meine beiden Kostbarkeiten gesund aufwachsen zu sehen und die Angst, dass nur ein Augenblick genügen kann, der alles verändert...

Unsere Kinder sollen teilhaben 


Vielleicht waren es die Erfahrungen aus der Vergangenheit, aber von Anfang an war mir wichtig, unsere Kinder so weit wie (alters)möglich an unserem Leben teilhaben zu lassen. Mit all den Gefühlen und Gedanken. 


Der Löwenjunge war 3 Jahre alt, als wir uns aufmachten, zur Wohnungsbesichtigungsreise nach Frankreich. Manche fragten uns, warum wir uns den "Stress" (für uns war es das nicht) antun und das Kind mit auf die Reise nehmen und nicht 5 Tage bei Oma lassen. Er sollte bei den vielen kleinen Schritten dabei sein, die uns dann am Ende den Umzug brachten. Wir wollten ihn mit vorbereiten und ihn nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Und glaubt mir, auch mit seinen 3 Jahren hat er damals schon sehr viel von all dem drum herum verstanden.

Auch Abschiede bringen Trauer, doch sie bereiten uns auch vor...

Er war stundenweise beim Verpacken seines Kinderzimmers dabei, wie feierten Abschied mit den Freunden, der Familie. Monatelang bereiteten auch wir ihn auf diesen grossen Abschied vor. Auch wenn er damals noch gar nicht richtig erahnen konnte, dass sein "altes" Leben mit den damaligen Freunden zu Ende war. Als wir in Frankreich ankamen, vermisste er seine Freunde. Er war die erste Zeit sehr traurig und auch darüber haben wir viel geredet, nicht verdrängt oder nur abgelenkt. 

Drei Jahre später war Frankreich uns ein schönes Zuhause geworden. Da hieß es wieder Abschied nehmen. Wir sind durch jedes leer geräumte Zimmer des Hauses und haben uns verabschiedet. Unsere letzten Wochen in Frankreich haben wir ganz bewusst erlebt und hatten viele "letzte Male". 

Der Tod der Mutter ist der wohl schlimmste Schmerz den es im Leben zu ertragen gibt, denn es ist der erste, den man ohne ihren Trost überstehen muss...



Im Februar 2014 kam dann ein sehr schwerer Abschied.
Für mich der bisher Schlimmste überhaupt. 
Wir waren erst einige Tage wieder von unserem Deutschlandbesuch zurück, als wir an einem Sonntag plötzlich wieder Koffer packen mussten. Nach einem Telefonat mit meinem Papa wusste ich, dass es meiner Mutter schlecht geht und man mit allem rechnen müsste.
Wir packten eilig die Koffer um eine Reise von 1200 Kilometern anzutreten.
Für mich war es wie ein Wettlauf mit dem Tod. Würde ich meine geliebte Mama nochmal sehen? Würden wir es schaffen? Wenn wir jetzt zu lange Pause machen- werde ich sie dann nie wieder sehen? 

Es war die schlimmste und längste Fahrt meines Lebens. (Aus grau wird schwarz- und auf einmal ist nichts mehr wie es wahr)
Der Löwenjunge war 4,5 und ich erklärte ihm, warum wir jetzt plötzlich wieder nach Deutschland fahren. "Wird Oma sterben?" "Ich glaube, ja. Leider." Er war ganz ruhig. Nicht geschockt oder traurig. Der Tod schreckte ihn noch nicht. Woher auch. Aber Abschied nehmen, damit kannte er sich aus.
Das Winterkind war 1 Jahr. Er verstand nur "Juhu wir fahren schon wieder nach Deutschland!".

Etwa 4 Stunden bevor wir unser Ziel erreicht hatten, kam der Anruf von meiner Schwester. Meine Mama war gestorben. Kurz vor dem Anruf wachte der Löwenjunge auf. Er hörte mein weinen und tröstete mich: "Weine doch nicht Mama! In unseren Herzen lebt sie doch weiter!"
Und ja, diese Worte trafen direkt in mein Herz, es tröstete ganz sachte. Es war so einfach in Kinderaugen.

Die nächsten Stunden waren schwer. Unbeschreiblich schwer. Das Herz schwer und mein Kopf fühlte sich wie betäubt an. Wir wohnten für die Zeit bei den Schwiegereltern, alle vier im Gästezimmer.

Wohin mit meinen Gefühlen, wohin mit all den Tränen?


Ich rede (vor allem) mit dem Löwenjungen. Erkläre ihm, dass ich gegen die plötzlich auftretende Trauer und die Tränen nichts machen kann, weil ich einfach so sehr traurig bin. Er sagt, er wäre auch traurig wenn ich tot bin. "Stirbst Du jetzt auch?"
Diese Fragen kommen dann natürlich auch. 

Soll man ein Kind auf eine Beerdigung mitnehmen?


Diese Frage habe ich mir so nicht gestellt. Sondern ich habe sie meinem großen Kind gestellt.
Wer mit 4 Jahren zu mir sagt "in unsererem Herzen lebt sie weiter", dem kann ich diese Frage stellen. 
 "Möchtest Du mit auf die Beerdigung kommen?"

Wir redeten darüber, was eine Beerdigung ist. Über die Kirche, dass die anderen und ich dunkle Kleidung anhaben. Dass der Körper, wenn man stirbt, nur noch wie eine Hülle ist. In Oma´s Fall wurde der tote Körper verbrannt, darum würde der Sarg auch in der Kirche verschlossen sein.
Dass es für mich sicher auch  ganz traurig wird, Abschied zu nehmen von meiner geliebten Mama. Dass er nicht erschrecken muss, falls ich/wir in der Kirche weine/n würde/n.

Ich überließ es ihm. Aber auch er wollte Abschied nehmen. Wollte dabei sein und nicht irgendwo anders.

Wir machten aus, dass meine Freundin (die er natürlich auch sehr mag) in unserer Nähe sitzen würde. Wann immer es für ihn zu traurig oder unangenehm werden würde, sollte er einfach zu ihr und sie würden dann ein bisschen spazieren gehen.
"Du darfst mitkommen, aber Du musst nur so lange bleiben, wie Du möchtest!"

Natürlich blieb er bis zum Schluss und war mir mein größter Trost. Er war nicht ängstlich oder verstört, weinte auch nicht. Vielmehr las ich Neugier in seinen Augen was um uns passierte. Es war seine 1. Beerdigung. Am traurigsten fand er wahrscheinlich mich... 

Der Tod gehört zum Leben und ich denke, wir sollten generell vor unseren Kindern mehr Gefühle zeigen. Kinder dürfen auch traurig sein. Deshalb dürfen sie auch sehen, wenn wir traurig sind.

Wenn wir unseren Kindern nicht von unseren Gefühlen erzählen, dann werden sie sich uns auch nicht öffnen. Natürlich sollte das alles kindgerecht verpackt bleiben.

Manchmal, wenn wir morgens in die Schule fahren und der Himmel leuchtet in den schönsten roten Farben, dann sagt er ganz plötzlich: "Schau mal Mama, was Oma uns heute morgen für einen schönen Himmel gemalt hat!"

"Heute ist Oma´s 3. Himmelsgeburtstag!"

Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich dazu letzte Woche. Es war der 3. Todestag meiner Mutter. Wir sprachen schon einige Tage davor darüber und ich fragte ihn, ob er nach der Schule mit mir zum Friedhof gehen möchte. Natürlich wollte er mitkommen. "Ich muss Oma doch noch erzählen, dass ich am Sonntag zum ersten Mal ein Fußballturnier gewonnen und eine Goldmedaille bekommen habe!" Wir nahmen Blumen und Kerzen mit und er erzählte Oma vom Fußballturnier. Nachmittags kam meine Familie zu mir und wir saßen beim Kaffee zusammen.
Mein Löwenjunge meinte: "Heute ist Oma´s 3. Himmelsgeburtstag!" Lächelnd nahm ich ihn in den Arm und sagte: "Da hast Du Recht mein Schatz!" Es war das tröstende, was man sich an so einem Tag nur wünschen konnte.





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Über Deinen Kommentar freue ich mich übrigens ganz besonders! Es bedeutet mir sehr viel, dass Du Dir dafür einen Moment Zeit nimmst. * Merci *


Kommentare:

  1. Danke für Deinen offenen Text, der zugleich so voller Trauer und so voller Trost ist. Mir geht es ein wenig wie Dir zunächst bei der Überschrift, ich fühle mich sprachlos - und möchte doch nicht ohne etwas zu schreiben gehen. Daher bleibt es bei dem Danke, dass Du dieses mit uns teilst. Liebe Grüße, Svenja

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  2. Ein sehr schöner Text. Ich selber habe auch Probleme damit, mit dem Tod umzugehen und weiß nicht, wie ich einmal gegenüber den Kindern reagieren werde, wenn einmal ein Großelternteil davon geht. Aber offen darüber reden halte ich wohl für die Beste Variante! <3
    Ganz lieben Gruß und schön, dass Du Dich mit diesem Text an meiner Herzpost-Aktion beteiligt hast! Wiebke

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    1. Lieben Dank Wiebke.
      Bin immer gerne bei Deiner Herzpost-Aktion dabei und lese auch gerne die anderen Herzensposts, da man ja manchmal den Überblick verliert, so viele schöne Texte die es eben gibt.
      Ja, der Tod ist ein schmerzliches Thema, dem man gerne aus dem Weg geht- bis es einen dann oft mit voller Wucht trifft. Es tat gut, mal darüber nachzudenken und zu schreiben.
      Herzliche Grüße
      Tanja

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  3. An dieser Stelle unbekannter Weise mein Beileid. Doch der Tod, in welcher Form auch immer, gehört zum Leben dazu. Daher sollte man auch immer das Leben genießen...es ist ein Privileg. Als mein Vater verstorben war, meinte der Trauerredner...."Es ist wie es ist"....Doch genau das trifft es auf dem Punkt

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