Sonntag, 13. März 2016

Die Tränen einer Mutter - Erinnerungen an mein Sternenkind

Es gibt Erinnerungen, die verblassen oder verschwinden im Laufe der Zeit. Doch dann gibt es noch jene Erinnerungen, die sich tief in Dein Herz gebrannt haben, die Du mit Dir trägst bis Du sie eines Tages mit von dieser Welt nimmst. Deren Intesität, Präsenz und Schmerz sich vielleicht im Laufe der Zeit verändern, aber dennoch einen Platz in Deinem Herzen behalten.

Der 13. März 2008 bleibt mir für immer und ewig in Erinnerung. Es ist der Tag an dem ich eigentlich zum ersten Mal einen Mutterpass bekommen sollte. Ich freute mich auf diesen Tag, an dem ich eigentlich das kleine Herz meines Kindes hätte sehen sollen, das Kind auf das wir uns so gefreut und lange gewartet hatten. Ich habe keine Ahnung an welchem genauen Datum ich dann meinen Mutterpass bekommen habe, als ich mit dem Löwenjungen schwanger wurde, vermutlich weil das so eine Erinnerung war, die dann verblasst ist, als das Kind geboren wurde. 
Aber der 13.03.2008 verblasste nicht, denn an diesem Tag habe ich mein 1. Kind verloren und nichts und niemand konnte mich damals irgendwie trösten. 

Der Tag begann sonnig aber ich hatte Schmerzen und blieb liegen. Ich spürte, dass irgendetwas nicht stimmte. Später bin ich in's Bad und jetzt gerade fällt mir auf, dass doch auch einiges wohl verblasst ist, denn ich kann mich nur noch an viel Blut und Tränen erinnern. Tränen, die ich so in dieser Art und Heftigkeit nicht kannte, die sich von all den Tränen, die ich bisher in meinem Leben geweint hatte unterschieden. Die Tränen einer Mutter, die um ihr Kind weint. 

Mein Mann kam und fuhr mit mir zum Frauenarzt. Ich wohnte erst ein paar Monate hier und die Praxis war am Ort. Eigentlich hatte ich schon immer Frauenärzte, weil ich in meiner Teenagerzeit an zwei ziemlich ruppige Ärztinnen geraten war. Die männlichen Vertreter schienen mir bis dahin einfach immer einfühlsamer. Das sollte sich an jenem Donnerstag vor 8 Jahren aber ändern. 

Wir mussten ewig warten, bis wir dran kamen, aber eigentlich wusste und spürte ich es im tiefsten Innern ja schon, diese Leere, wenngleich ich immer noch hoffte, aus diesem Alptraum an Schmerz und Gelähmtheit aufzuwachen. 

Als wir endlich dran kamen, erzählte mein Mann kurz von den starken Blutungen und wir gingen in das Untersuchungszimmer des Arztes. Er machte den Ultraschall, gab mir Papier zum Abwischen. Sagte nur "sie können sich wieder anziehen" und verschwand mit meinem Mann in seinem Sprechzimmer nebenan. Kein Ton zu mir. Ich hörte nur, wie er meinem Mann sagte, dass das eben schon mal passiert und dass seine Frau ja noch jung genug sei, um irgendwann Kinder zu bekommen. Als ich rüber zu den beiden kam, meinte der Arzt nur: "Frau Hofmann, sie werden schon noch irgendwann mal ein Kind im Arm halten, sie sind ja noch jung. Nehmen Sie sich das nicht so zu Herzen" und schob mir eine Packung Papiertücher rüber. Ich bekam einen Termin für Montag, sollte mich bis dahin ausruhen und man würde dann schauen, ob eine Ausschabung nötig sei, oder ob bereits alles abgegangen sei.  

Er sollte Recht bekommen, mit dem Kind dass ich dann 17 Monate später in meinen Armen hielt, doch in dem Moment war das kein Trost und sein Schweigen während des Ultraschalls einfach demütigend und verletzend. Als wäre ich genau so wenig da, wie ein Kind auf dem Ultraschall. 

Auf dem Heimweg sprachen mein Mann und ich kein Wort. Auch er war traurig aber er wusste auch, dass es keine Worte gegeben hätte, die ich hören wollte. Ich fühlte mich, als hätte man mir ein Stück aus meinem Inneren einfach so heraus gerissen. Irgendwie war es ja auch so, es war ein Teil von mir, auch wenn es noch keinen Namen hatte. 

Ich rief meine Mama an, 600 Kilometer weit von mir weg. Musste nichts sagen, konnte einfach nur weinen und sie spürte  es auch am Telefon gleich und weinte mit mir. Heute weiß ich warum, denn sie weinte auch die Tränen einer Mutter, die leidet, wenn das Kind leidet und sie den Schmerz nicht nehmen kann. 

Geweint habe ich sehr viel danach. Immer wieder überkam mich diese Traurigkeit und Leere. 
Mit der Zeit lernte ich irgendwie damit zu leben. Der Schmerz wurde erträglicher, anders, aber blieb dennoch und kam immer mal wieder, wie eine Welle über mich. 

Im November 2008 wurde ich dann mit dem Löwenjungen schwanger. Bei all der Angst, die ich bei dem kleinsten Ziehen im Bauch bekam, so blickte ich dennoch zuversichtlich in den Himmel und wusste, mein Löwenjunge hat einen ganz besonderen Schutzengel, ein leuchtendes Sternchen am Himmel. 

Und für mich bleibt dieses Sternchen mein erstes Kind. 
Eine Erinnerung, die nie verblassen wird und in meinem Herzen bleibt. 
Für immer und ewig. 

Tanja




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Über Deinen Kommentar freue ich mich übrigens ganz besonders! Es bedeutet mir sehr viel, dass Du Dir dafür einen Moment Zeit nimmst. * Merci *

Kommentare:

  1. Liebe Tanja!
    Ich musste gerade mitweinen (für mich eine neue Erfahrung!). Ich kann mir den Schmerz nicht einmal im Geringsten vorstellen, den eine Mutter fühlt, die ihr Kind verloren hat.. Ich bewundere deinen Mut und deine Stärke, deine Gefühle in so großartige Worte zu schreiben und schicke dir und deiner Familie am heutigen Tag viel Kraft!
    Herzliche Grüße,
    Ricarda

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    1. Liebe Ricarda,
      ich danke Dir für Deine lieben Worte. Es hat so seine Zeit gedauert, darüber zu schreiben, aber heute ist mir wichtig, darüber zu schreiben, weil ich mittlerweile weiß, dass es so vielen ganz ähnlich geht wie uns damals und dass gerade das darüber schweigen und nicht richtig trauern dürfen (denn das Kind hat ja "noch nicht richtig gelebt" wie manche das nennen) das Ganze noch viel schlimmer machen.
      Liebe Grüße Tanja

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  2. Ach. Ich weiss nicht was ich dir sagen soll. Viel Kraft. Euer Sternchen ist bei Euch. Immer.

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    1. Danke liebe Kati.
      Heute habe ich meinen Frieden damit gefunden. Es gehört eben zu meinem Leben dazu. Ohne das Sternchen gäbe es ja keinen Löwenjungen. Es sollte wohl eben alles so sein. Einen besonderen Platz soll das Sternchen dennoch haben.
      Liebste Grüße nach Frankreich. Ich vermisse die Farben um diese Jahreszeit.
      Bisous
      Tanja

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  3. Ich drücke dich ganz fest liebe Tanja!
    Alles Liebe für euch alle
    Sternie

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  4. Hallo liebe Tanja,

    ich weiß nicht, was ich dir schreiben soll.
    Dabei habe ich mir vorgenommen endlich mal wieder einen Kommentar zu hinterlassen.

    Ich kann dir nur sagen, dass ich nicht ansatzweise deinen und den Schmerz deine Mutter nachvollziehen kann.
    Es tut mir schrecklich leid und ich fühle (so wie ich es kann) mit dir.

    Vielen Dank für diesen so emotionalen Einblick auch, wenn es kein erfreulicher Anlass ist.

    Alles Liebe für euch,
    Geli

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    1. Ich danke Dir für Deine lieben Worte, Geli!
      Mittlerweile komme ich gut klar, hätte ich doch das Glück danach meine beiden gesunden Jungs zu bekommen. Schweigen will ich trotzdem nicht, denn das müssen zu viele, die noch darunter leiden. Und damit die unvergessen bleiben, die vielen Sternenkinder.
      Ganz herzliche Grüße
      Tanja

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  5. Liebe Tanja,

    mein Herz hat sich gerade verkrampft und ich habe einen Kloß im Hals. Was für ein grausamer Schmerz muss das nur sein :-(
    Vor einigen Jahren habe ich sehr mit meiner Schwester mitgelitten, die ihr Sternenkind im 5. Monat tot gebären musste. Das war so grausam.
    Auch sie hat inzwischen einen Sohn, aber der Schmerz wird wohl niemals vergehen!
    Fühl dich gedrückt <3
    LG
    Elena

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    1. Danke liebe Elena für Deine Worte.
      Damals war ich sehr froh, dass ich mein Sternchen nicht tot gebären musste. Stelle mir das nochmal grausamer und trauriger vor. Es ist gut, dass Deine Schwester noch einen Sohn bekommen hat. Dadurch konnte ich besser loslassen. Vergessen wird es nie sein, zum Glück bestimmt es aber nicht mehr den Alltag.
      Fester Drücker zurück und DANKE.
      Tanja

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