Montag, 8. Februar 2016

Der letzte Kuss meiner Mutter

Den letzten Kuss gab mir meine Mutter heute vor 2 Jahren zum Abschied. Wir waren gerade zweieinhalb Wochen auf Deutschlandbesuch gewesen und hatten viel gemeinsame und schöne Zeit miteinander verbracht. Immer wenn es zurück nach Frankreich ging, schmerzte der Abschied von meinen Eltern am Meisten, denn für gewöhnlich war es immer eine längere Zeit die wir uns nicht sehen würden. Zeit in der viel geschehen kann.

Meiner Mama war ein "ordentlicher Abschied" immer sehr wichtig gewesen. Seit ich denken kann, verabschiedete sie mich mit einem Kuss, einer Umarmung und mit einem kleinen Kreuz auf meiner Stirn. Meistens sagte sie so etwas wie: "und pass schön auf Dich auf!" Auch mit dem mütterlichen "ich liebe Dich" sparte meine Mutter nicht und immer wußte ich, dass sie es auch genau so meinte, wie sie es sagte.
Selbst wenn wir nur kurz irgendwohin gingen, schnell zum Bäcker oder zu Freunden, eine ordentliche Verbaschiedung gehörte immer dazu, sonst hätte etwas gefehlt.

Heute vor 2 Jahren gab mir meine liebe Mama den letzten Kuss. Dass es auch DER LETZTE war, den ich in meinem Leben von ihr bekomme, wussten wir beide nicht. Aber ich bin so froh und dankbar, dass ich ihn bekommen habe und wir uns in Liebe verabschiedet haben.

Genau 2 Wochen später machten wir uns wieder auf die Reise von Frankreich nach Deutschland. Meine Mutter kam in´s Krankenhaus, weil es ihr sehr schlecht ging. Nie vergesse ich die endlosen 12 Stunden Autofahrt durch die Nacht. Mein ganzes Leben schien an mir vorbei zu ziehen. Und dann der Mond, der uns in dieser nicht enden wollenden Nacht begleitete und sie so viel heller machte, als sie sich eigentlich anfühlte.

So gerne hätte ich ihr diesen einen Kuss vor ihrer letzten Reise noch gegeben. Ihr noch einmal gesagt, wie lieb ich sie habe und wie dankbar ich für alles war. Doch wir haben es nicht mehr rechtzeitig geschafft. Sie starb, als wir noch 4 Stunden vor uns hatten. Irgendwie komisch, aber ich war froh, dass es 4 Stunden waren und nicht nur wenige Minuten, eine Pipipause auf der Autobahn. Dann wäre ewig im Kopf geblieben: "hätten wir da doch nur nicht so getrödelt..."

Den letzten Kuss, ein "Ich liebe Dich" und ein kleines Kreuz auf ihre kalte Stirn musste ich ihr im Bestattungsinstitut geben. Aber das wollte und musste ich auf jeden Fall tun, wenngleich es auch der schmerzhafteste Kuss von allen war.

Und auch wenn ich weiß, dass es Ihr da wo sie jetzt ist sicher besser geht, ich so froh und dankbar bin, dass sie keine Todeskämpfe hatte, so bleibt trotzdem diese Trauer, dass ich nicht an ihrer Seite sein konnte. Aber vielleicht wollte sie das ja auch gar nicht. Vielleicht musste es eben genau so sein, wie es war.
Es ist wie es ist und lässt sich nicht mehr rückgängig machen, so schmerzhaft es auch für mich sein mag.

Was bleibt, sind die vielen schönen Momente aber auch ganz grosses Vermissen.
Auch die Verabschiedungen, die zu einem festen Ritual geworden waren und auch mir heute viel wichtiger sind als früher. Denn man weiß nie, ob man sich nochmal wieder sieht.

Gebt auf Euch acht

Gros Bisous
Eure Tanja







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Kommentare:

  1. Meine Mama starb im Hospiz an Krebs. Mein Bruder und ich waren den ganzen letzten Tag bei ihr, doch gegangen ist sie erst, als wir ihre Hände los- und sie damit gehen ließen. Ich glaube seither daran, dass wir entscheiden können, wann wir sterben. Für mich zeigt das nicht-auf-dich-warten, dass alles zwischen euch geklärt und sie sich deiner Liebe auch ohne letzte Worte sicher war. Möge sie in Frieden ruhen.

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    1. Leider kenne ich nicht Deinen Namen, aber ich danke Dir von ganzem Herzen, für Deine Worte, die mich wirklich sehr berühren und trösten. Ich habe auf der Fahrt aus dem Fenster gesehen und war einmal ganz ruhig und sagte in Gedanken zu Ihr, dass sie gehen soll, wenn sie muss. Vielleicht hätte sie nicht so friedlich einschlafen können, wenn ich da gewesen wäre. Wer weiß.
      Ich danke Dir jedenfalls für Deine Worte. Fühl Dich herzlich umarmt.
      Tanjs

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  2. Puh. Fühl Dich gedrückt!
    Mein Vater schrieb mir mal ins Poesie-Album
    "Geh nie ohne Gruß und Gottes Wort von Deinen Lieben zu Hause fort,
    denn eines Tages kann es geschehen, dass Du sie nicht wirst wiedersehen."
    Seitdem habe ich meine Eltern wieder geküsst :-)
    Und ich glaube er hat keine Ahnung, wie sehr mich dieser Spruch geprägt hat,
    wie vieles ich verzeihe, erlaube, nicht so eng sehe bzw. mit Humor nehme...
    mit dem Gedanken im Hinterkopf - ist es wert, jetzt darüber zu streiten, und dann ist das womöglich das Letzte, was wir gemeinsam erlebt haben? Du kennst die Antwort.
    Liebe Grüße!

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    1. Ich danke Dir.
      Ein weiser Spruch, den man vielleicht in all der Hektik manchmal leider vergisst. Irgendwie sollte jeder so ein Poesiealbum mit diesem Spruch haben. <3
      Manche Menschen kann ich deshalb auch überhaupt nicht verstehen, wegen was für Kleinigkeiten sie sich zanken und streiten. Klar, gibt's immer und überall mal. Aber wie oft ist es das schon wert?
      Ganz liebe Grüße und danke!

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  3. Liebe Tanja,
    Das ist ein so wunderschöner Text. Die Tränen wollen nicht aufhören über meine Wangen zu kullern.
    Du sprichst mir so aus meinem Herzen, es könnte meine Geschichte sein, nur ein bisschen anders. Mein aufrichtiges Beileid!

    Mein Papa starb an Krebs auf der Palliativstation. Wir wussten, dass es mal soweit kommeb würde. Als ich mich das letzte Mal verabschiedete wußte ich, es war für immer. Ich werde niemals seine Augen vergessen. Ich vermisse ihn so sehr. Noch immer.
    Ich musste damals beruflich nach Saudi Arabien. Ich wußte, dass wir uns nicht mehr sehen werden. Nicht lebendig. Ich habs gespürt. Er hat gewartet bis ich ganz weit weg war, damit er gehen konnte. Ich werde den Anruf nicht vergessen, als meine Stiefschwester mich informierte, es schaut schlecht aus, sagte sie. Es dauerte eine schmerzhafte Ewigkeit, aus Saudi-Arabien wieder raus kommen. Ich kam 24 Stunden zu spät. Mein letzter Kuss war wie deiner... Auf eine kalte Stirn. Aber es war auch mir wichtig mich anständig zu verabschieden. Danke für deinen berührenden Text, und fühl dich gedrückt.

    Es sind die Erinnerungen, die ewige Spuren in unserem Herzen lassen und wir sind verantwortlich, dass diese auf der Erde niemals verblassen.

    Alles Liebe

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    1. Lieben Dank für Deine tröstenden Worte und Deine eigene Geschichte, die mir auch sehr leid tut, da ich das wirklich so nachempfinden kann, wie es sich anfühlt, wenn man einfach nicht zu demjenigen schnell hin kann, der da von uns geht. <3

      Ja, so langsam glaube ich es auch, dass sie vielleicht nur deshalb so leicht gehen konnt, weil ich nicht da war. Wir hatten eine unglaublich starke Bindung und wie Du schon schreibst, er hat gewartet bis Du weit weg bist...
      Das Vermissen wird bleiben. Weil wir sie eben so geliebt haben. Dein letzter Satz ist so wunderschön, hab vielen Dank!
      Alles Liebe für Dich.
      Tanja

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  4. Jetzt laufen mir die Tränen...du hast das so schön in Worte gefasst, dass man die unendliche Liebe zu deiner Mama in jeder Zeile lesen kann. Und du sprichst mir aus der Seele mit dem richtigen Verabschieden, daran habe ich schon mehr als ein Mal gedacht. Meine Mama ist - neben meiner eigenen Familie - der wichtigste Mensch in meinem Leben und ich möchte gar nicht daran denken, wie es sein wird, wenn sie ein Mal nicht mehr da ist. Danke, dass du deine Geschichte öffentlich gemacht hast! Ich drück dich ganz fest <3

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    1. Danke Dir <3 - ja ich habe das Glück gehabt, eine ganz tolle und wunderbare Mama zu haben, die ich von Herzen geliebt habe.
      Schön, wenn man sich einfach immer wieder daran erinnert, dass so ein Abschied nicht nur eine Floskel ist.
      Wüsche Dir noch ganz ganz ganz viele Momente mit Deiner lieben Mama.
      Lieben Gruss
      Tanja

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  5. Liebe Tanja, es tut mir im Herzen weh, deine Zeilen zu lesen, sie berühren mich zutiefst. Ich möchte daran glauben, dass unsere Lieben, die hier nicht mehr unter uns weilen, uns nun sehr viel näher sind und über uns wachen. Eine Mama ist immer eine Mama und kann niemals ersetzt werden, auch für mich ist meine Mutter die wichtigste Bezugsperson neben meiner kleinen Familie. Ich mag mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen, auch wenn ich weiß, dass es irgendwann passieren wird. Wir müsen jeden Tag miteinander genießen und auskosten. Das gilt für alle uns lieben Menschen. Fühle dich fest umarmt!

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    1. Vielen lieben Dank Anna, das hast Du so schön und wahr geschrieben. Im Alltag vergisst man das leider manchmal aber wir sollten wirklich das miteinander mehr genießen und auskosten. So schnell ist alles Vergangenheit.
      Herzliche Grüße
      Tanja

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  6. »Der Moment wusste, dass er der letzte war. Wir wussten es nicht.«
    Die letzten Worte meiner Frau waren: »Es ist schön, mit dir verheiratet zu sein.« Kurz danach starb sie bei einem Autounfall. Damals und auch heute, nach fast zehn Jahren, steckt in diesem letzten Moment eine ganz wunderbare Kraft und Hoffnung. Und jeder auch noch so kleine Abschied sollte von Dankbarkeit geprägt sein.

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    1. Lieber Andreas,

      ich danke Dir für Deinen sehr persönlichen Kommentar, der mir sehr zu Herzen geht. Die letzten Worte Deiner Frau, eine so große Liebeserklärung. Man liest in Deinen Zeilen, dass Du sie noch immer ganz fest in Deinem Herzen trägst. Alles Liebe für Dich und nochmal danke, für Deine Zeilen!
      Lieben Gruß
      Tanja

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